Am Dienstag, dem 12. Mai, postete Lizzo ein Video auf TikTok, in dem sie ihre Probleme mit den Social-Media-Algorithmen schilderte. Diese haben es ihr angeblich stark erschwert, ihr neues Album zu promoten. „Die algorithmische Funktionsweise der sozialen Medien von heute ruiniert die Musikindustrie“, erklärte sie. „Wenn dein Algorithmus dir Inhalte völlig unabhängig von ihrem tatsächlichen Erscheinungsdatum anzeigt, hat die breite Öffentlichkeit keine Ahnung, wann Musik tatsächlich veröffentlicht wird.“
Lizzo, die mit bürgerlichem Namen Melissa Viviane Jefferson heißt, ist eine der prominentesten Stimmen der modernen Pop- und R&B-Szene. Seit ihrem Durchbruch mit dem Album „Cuz I Love You“ im Jahr 2019 hat sie immer wieder gesellschaftliche Themen aufgegriffen – von Body Positivity über Rassismus bis hin zu Sexismus. Nun richtet sie ihren Fokus auf ein Problem, das viele Musiker und Musikerinnen betrifft, aber selten so offen angesprochen wird: die Macht der Algorithmen in sozialen Netzwerken.
Die Künstlerin kritisierte in ihrem Video vor allem, dass die Feeds auf Plattformen wie Instagram, TikTok und Facebook nicht mehr chronologisch sortiert sind. Früher konnten Fans genau sehen, wann ein Post veröffentlicht wurde – heute entscheidet der Algorithmus, was angezeigt wird, basierend auf vermeintlichen Interessen, Nutzungsverhalten und oft undurchsichtigen Kriterien. „Das Musikmarketing stützt sich stark auf soziale Medien, aber seitdem uns der Algorithmus die Inhalte in ungeordneter Reihenfolge anzeigt, gibt es eigentlich keine Möglichkeit mehr, ein Album erfolgreich zu bewerben, obwohl jeder weiß, dass es bald erscheint“, so Lizzo.
Besonders frustrierend sei, dass selbst ihre treuesten Follower Inhalte verpassen. Sie berichtete, dass ihr vorgeworfen wird, ihr Album nicht zu bewerben – dabei sei sie in Podcasts, Morgenshows, Netflix-Specials und mehr präsent. Dennoch bekommen viele nichts davon mit. „Die Fans wissen gar nicht, dass ihr Lieblingskünstler neue Musik veröffentlicht“, betonte sie in dem Video. Dieses Phänomen ist nicht neu: Viele Künstler klagen darüber, dass die organische Reichweite auf Plattformen wie Instagram seit Jahren schrumpft. Posts erreichen oft nur noch einen Bruchteil der eigenen Follower – es sei denn, man zahlt für Werbung. Lizzo selbst erlebt dies am eigenen Leib, obwohl sie über 13 Millionen Follower auf Instagram und mehr als 10 Millionen auf TikTok hat.
Die Sängerin ergänzte, dass sogar sie selbst als Künstlerin manchmal nicht mitbekommt, wenn andere Musiker, die sie sehr schätzt, etwas veröffentlichen. Dies unterstreicht die Tragweite des Problems: Selbst innerhalb der Branche gehen Neuigkeiten unter. Lizzos Kritik richtet sich nicht nur gegen die Plattformbetreiber, sondern auch gegen die grundlegende Logik algorithmischer Kuratierung. Diese ist darauf ausgelegt, möglichst viel Engagement – Likes, Kommentare, Shares – zu generieren, nicht aber, relevante oder zeitnahe Informationen zu liefern. Für die Musikindustrie, die sich in den letzten Jahren massiv auf Social Media als primären Werbekanal verlassen hat, ist dies eine existenzielle Herausforderung.
Lizzo verwies in ihrem Video auch auf ein weiteres Problem: den algorithmischen Bias. Unter ihrem Post schrieb sie: „Lasst mich gar nicht erst anfangen darüber, dass der Algorithmus rassistisch und fettfeindlich ist.“ Dieser Punkt ist gut dokumentiert. Studien haben gezeigt, dass KI-gesteuerte Systeme in sozialen Medien oft marginalisierte Gruppen benachteiligen. Inhalte von People of Color, plus-size Personen oder queeren Künstlern werden seltener prominent ausgespielt als vergleichbare Inhalte weißer, schlanker Nutzer. Lizzo, die selbst eine schwarze, plus-size Frau ist und diese Identität in ihrer Kunst zelebriert, kennt diese Diskriminierung aus eigener Erfahrung. Bereits 2020 hatte sie über rassistische Kommentare und Body-Shaming auf Plattformen gesprochen. Nun stellt sie klar: Die Algorithmen verstärken diese Ungleichheiten systematisch.
Die Auswirkungen auf das Musikgeschäft sind enorm. Früher war die Albenveröffentlichung ein Großereignis, das über Plakatwände, Radio-Premieren und Fernsehauftritte beworben wurde. Heute verlassen sich Labels fast vollständig auf digitale Kampagnen – Playlisten auf Spotify, Challenges auf TikTok, Storys auf Instagram. Doch wenn der Algorithmus die Botschaften der Künstler nicht durchlässt, verpufft die Werbung. Viele Acts versuchen, mit kreativen Mitteln gegenzusteuern: Sie posten mehrmals täglich, nutzen Paid Ads oder bauen virale Momente ein. Aber selbst das garantiert keine Sichtbarkeit. Lizzos aktuelles Album „Bitch“, das am 5. Juni 2026 erscheint, soll nun zeigen, ob es möglich ist, auch unter diesen Bedingungen erfolgreich zu vermarkten.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein prominenter Star zu diesem Thema äußert. Bereits 2022 kritisierte der Rapper Kanye West die Algorithmen von Instagram und forderte mehr Transparenz. Auch Taylor Swift hat sich mehrfach über die Macht der Playlist-Kuratoren beschwert. Doch Lizzos Video geht einen Schritt weiter: Sie benennt nicht nur das Problem, sondern fordert eine Rückbesinnung auf chronologische Feeds – oder zumindest die Option, diesen Modus wählen zu können. „Früher seien die Inhalte chronologisch angezeigt worden“, erinnert sie sich. Diese Funktion wird von Plattformen wie Instagram und Twitter zwar angeboten, aber nicht als Standard. Die Nutzer müssen sie aktiv auswählen – und viele wissen nicht einmal, dass es sie gibt.
Die Musikindustrie steht vor einem Wendepunkt. Während Streaming-Dienste wie Spotify und Apple Music eigene algorithmische Empfehlungen nutzen, die durchaus hilfreich sein können, sind soziale Medien zu einem undurchsichtigen Gatekeeper geworden. Künstler müssen nicht nur gute Musik machen, sondern auch das Algorithmus-Rätsel lösen. Lizzo plädiert dafür, die Kontrolle zurückzuerlangen. Ihr Video endet mit einem Appell an die Fans: Sie sollten sich nicht entmutigen lassen, wenn sie nicht alles mitbekommen – und Plattformen sollten Verantwortung übernehmen. „Am Ende des Videos erinnerte sie ihre Fans jedoch daran, dass sie dies nicht als persönliche Beschwerde sieht, sondern vielmehr Aufmerksamkeit darauf lenken möchte.“ Es geht ihr nicht um Selbstmitleid, sondern um einen systemischen Missstand.
Lizzos Karriere ist ein Beweis für ihre Widerstandsfähigkeit. Von ihren Anfängen als Flötistin in Detroit bis zu Grammy-Gewinnen und ausverkauften Touren hat sie immer wieder gezeigt, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Ihr neues Album „Bitch“ ist mit Spannung erwartet – nicht nur musikalisch, sondern auch als Testfall für algorithmisches Marketing. Die Musikbranche wird genau hinschauen, ob Lizzos Kritik Gehör findet und ob Plattformen reagieren. Bislang haben weder TikTok noch Instagram offiziell auf ihr Statement geantwortet. Doch die Diskussion ist eröffnet. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die sozialen Medien ihre Hausaufgaben machen – im Interesse der Künstler, der Fans und der Musik selbst.
Source: Musikexpress News