Der deutsche Tennissport erlebte am Freitag beim WTA-Masters in Rom einen leidenschaftlichen Auftritt, der jedoch nicht mit einem Sieg belohnt wurde. Eva Lys, die 23-jährige Hamburgerin, forderte die ehemalige Weltranglistenerste Naomi Osaka über mehr als zwei Stunden heraus, musste sich am Ende aber knapp geschlagen geben: 4:6, 6:4, 3:6. Die Partie in der italienischen Hauptstadt war ein Spiegelbild von Lys' zuletzt gezeigtem Aufwärtstrend, auch wenn der finale Coup ausblieb.
Osaka, die bereits vier Grand-Slam-Titel (Australian Open 2019 und 2021, US Open 2018 und 2020) in ihrer Vitrine hat, begann das Match druckvoll. Mit ihrer kraftvollen Grundlinienschlägen und dem präzisen Aufschlag setzte sie Lys von Beginn an unter Druck. Die Japanerin, die in den vergangenen Jahren mit Verletzungen und mentalen Herausforderungen zu kämpfen hatte, zeigte in Rom eine stabile Form. Doch Lys ließ sich nicht einschüchtern. Die Weltranglisten-100. kämpfte sich nach verlorenem ersten Satz zurück und glich mit einem starken zweiten Satz zum 1:1 aus.
Der dritte Satz entwickelte sich zu einer Nervenschlacht. Beide Spielerinnen schenkten sich nichts, lieferten sich lange Ballwechsel und zeigten ihr ganzes Können. Lys, die in dieser Saison bereits einige Achtungserfolge feierte, unter anderem ein Erstrundenspiel bei den French Open, bewies einmal mehr, dass sie auf Sandplatz immer gefährlicher wird. „Ich habe heute gegen eine der besten Spielerinnen der Welt gezeigt, was in mir steckt. Das gibt mir viel Selbstvertrauen für die kommenden Wochen“, sagte Lys nach dem Match. Letztlich behielt Osaka die Oberhand und verwandelte ihren ersten Matchball nach 2:07 Stunden. Für Osaka war es der dritte Sieg auf Sand in dieser Saison, ein wichtiger Schritt zurück in die Weltspitze.
Mit dem Ausscheiden von Lys ist Laura Siegemund die einzig verbliebene Deutsche im WTA-Turnier in Rom. Die erfahrene 36-Jährige, die 2020 die US Open im Mixed gewann und im Einzel ihre Stärken auf Sand hat, trifft am Abend auf Jekaterina Alexandrowa aus Russland. Siegemund, die in diesem Jahr bereits das Viertelfinale in Charleston erreichte, gilt als Spezialistin für langsame Beläge und hofft, weiter in das Turnier vorzudringen. „Laura hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass sie auf Sand zu den gefährlichsten Spielerinnen gehört. Sie hat eine gute Chance, gegen Alexandrowa zu bestehen“, kommentierte ein deutscher Tennisexperte.
Die Bilanz der deutschen Spielerinnen in Rom fällt gemischt aus. Am Donnerstag war Tatjana Maria in der zweiten Runde ausgeschieden. Die 36-Jährige, bekannt für ihren unkonventionellen Slice-Stil, unterlag der an Nummer 4 gesetzten Elena Rybakina in zwei Sätzen. Maria, die 2022 in Wimbledon sensationell das Halbfinale erreichte, zeigte eine solide Leistung, konnte aber gegen die körperlich überlegene Rybakina nicht bestehen. Bereits in der ersten Runde war Tamara Korpatsch gescheitert. Die 28-Jährige aus Hamburg verlor gegen die Französin Caroline Garcia, ehemalige Nummer 4 der Welt, in drei Sätzen. Korpatsch, die in diesem Jahr vor allem bei kleineren Turnieren punktete, haderte nach der Partie mit ihrer Chancenverwertung.
Eva Lys, die in der Weltrangliste derzeit auf Platz 109 notiert ist, hat in den letzten Monaten einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Nach einer schwierigen Phase mit mehreren Erstrundenpleiten zu Beginn des Jahres arbeitete sie hart an ihrer Physis und ihrer Taktik. Unter der Anleitung ihres Trainers Michael Geserer verbesserte Lys insbesondere ihre Beinarbeit und ihre Fähigkeit, lange Ballwechsel auf Sand zu gestalten. „Ich habe viel an meiner mentalen Stärke gearbeitet. Gegen Osaka war es wichtig, konzentriert zu bleiben und auch kleine Chancen zu nutzen. Das ist mir im zweiten Satz gut gelungen“, erklärte Lys. In den sozialen Medien erhielt die Hamburgerin viel Zuspruch: „Du hast großartig gekämpft, Eva. Das kommt bestimmt bald mit dem Sieg!“ kommentierte ein Fan auf Instagram.
Das WTA-Masters in Rom, offiziell als Italian Open bekannt, ist eines der traditionsreichsten Turniere im Damentennis. Die erstmals 1930 ausgetragene Veranstaltung auf der Sandplatzanlage Foro Italico lockt Jahr für Jahr die weltbesten Spielerinnen an. In diesem Jahr fehlen verletzungsbedingt unter anderem Iga Swiatek (Weltranglistenerste) und Aryna Sabalenka (Weltnummer 2), was das Teilnehmerfeld offener macht. Viele Spielerinnen nutzen das Turnier als letzte Standortbestimmung vor den French Open in Paris, die am 22. Mai beginnen. Naomi Osaka, die 2019 und 2021 in Paris jeweils im Drittelfinale scheiterte, will in diesem Jahr endlich auch auf Sand zu den Favoritinnen zählen. Ihr Trainer Wim Fissette, der bereits mit mehreren Grand-Slam-Siegerinnen arbeitete, betont die Bedeutung der Rom-Woche: „Naomi entwickelt sich auf Sand immer besser. Die Bewegungen werden flüssiger, der Aufschlag sitzt. In Rom will sie den nächsten Schritt machen.“
Für Eva Lys geht es nach Rom weiter mit der Vorbereitung auf die French Open. Sie wird in der kommenden Woche beim WTA-Turnier in Straßburg an den Start gehen, wo sie als Qualifikantin auf einen ungesetzten Platz hofft. „Der Fokus liegt jetzt darauf, die guten Leistungen zu bestätigen und konstant zu spielen. Ich bin auf einem guten Weg“, sagte Lys. Die deutsche Tennisfans können optimistisch sein: Mit Lys, Siegemund, Maria und Korpatsch haben gleich mehrere Spielerinnen in dieser Saison gezeigt, dass sie auf Sand zu den besten der Welt gehören – wenn auch noch nicht ganz an der Spitze. Der knappe Fehlschlag gegen Osaka war für Lys der Beweis, dass sie nur eine gute Tagesleistung davon entfernt ist, ganz große Namen zu schlagen.
In der Geschichte des deutschen Damentennis gab es immer wieder Momente, in denen junge Spielerinnen den Durchbruch schafften. Steffi Graf, die 22 Grand-Slam-Titel gewann, ist das bekannteste Beispiel. Auch Angelique Kerber, die 2016 die Australian Open und die US Open gewann, begann ihren Aufstieg mit starken Leistungen bei Sandplatzturnieren. Eva Lys, die mit dem deutschen Fed-Cup-Team trainierte, wird oft mit diesen Legenden verglichen, doch sie selbst betont: „Ich bin auf meinem eigenen Weg. Ich will einfach jeden Tag besser werden und mich Schritt für Schritt nach oben arbeiten.“ Dieser bescheidene und fokussierte Ansatz könnte der Schlüssel zu ihrem Erfolg sein. Die Niederlage gegen Osaka in Rom wird sie nur stärker machen – und die nächste Überraschung wartet vielleicht schon in Paris.
Source: ntv.de News