BipBiz

collapse
Home / Daily News Analysis / Wie gewinnt man eigentlich den ESC?

Wie gewinnt man eigentlich den ESC?

May 16, 2026  Twila Rosenbaum  7 views
Wie gewinnt man eigentlich den ESC?

Das Rätsel des ESC-Erfolgs

Das ESC-Finale steht an. Während die letzten Proben laufen, bleibt eine bekannte Frage im Raum: Was braucht es eigentlich, um diese Show zu gewinnen? Seit Jahrzehnten versuchen Künstler, Nationen und Musikproduzenten, die geheime Formel zu entschlüsseln. Die Antwort ist jedoch alles andere als einfach, denn der Eurovision Song Contest ist ein lebendiges, sich ständig wandelndes Phänomen, das von kulturellen Strömungen, politischen Stimmungen und dem unberechenbaren Geschmack von Millionen Zuschauern beeinflusst wird. Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtigen Aspekte, die über Sieg oder Niederlage entscheiden können.

Große Namen helfen selten beim ESC-Sieg

Seit Jahren wird in Deutschland immer wieder "der große Name" eingefordert, um mal wieder den ESC zu gewinnen. Aber ist das sinnvoll? Die Geschichte des Wettbewerbs zeigt, dass etablierte Stars oft scheitern, während Unbekannte durch den ESC erst geboren werden. Denken wir an Abba, Céline Dion oder Julio Iglesias – alles Acts, die durch den Song Contest weltberühmt wurden. Sie kamen nicht als Superstars, sondern als talentierte Newcomer, deren Auftritte sie zu Legenden machten.

Prominente Beispiele für das Scheitern großer Namen sind Bonnie Tyler für Großbritannien 2013, die mit "Believe in Me" nur den 19. Platz von 26 Finalteilnehmern erreichte. Engelbert Humperdinck, ein Gigant der 60er und 70er Jahre, landete 2012 mit "Love Will Set You Free" auf Platz 25. Auch der US-Rapper Flo Rida, der 2021 zusammen mit Senhit für San Marino antrat, kam nicht über Platz 22 hinaus. Im Jahr darauf brachte Senhit den 80er-Jahre-Superstar Boy George mit, doch das Duo scheiterte bereits im Halbfinale. Diese Beispiele belegen, dass Bekanntheit allein nicht ausreicht – der Song und die Inszenierung müssen beim Publikum und der Jury im richtigen Moment zünden.

Jury oder Publikum: Wer beim ESC wirklich entscheidet

Seit 2009 haben im ESC-Finale sowohl nationale Jurys als auch das Televoting der Zuschauer gleichberechtigten Einfluss. Diese Zweiteilung hat in den letzten Jahren zu teils verblüffenden Ergebnissen geführt. So wäre 2023 nach dem Publikumsvoting Finnland mit Käärijäs "Cha Cha Cha" Sieger gewesen, doch die Jury hatte Loreen aus Schweden mit "Tattoo" ganz vorne gesehen und damit den Ausschlag gegeben. 2024 wiederholte sich das Muster: Kroatien mit Baby Lasagnas "Rim Tim Tagi Dim" lag beim Publikum vorn, doch die Jury krönte Nemo aus der Schweiz mit "The Code". 2025 hätte Israel mit Yuvals "New Day Will Rise" nach den Zuschauerstimmen gewonnen, aber die Jury setzte JJ aus Österreich mit "Wasted Love" durch.

Diese Diskrepanz ist kein Zufall. Viele Delegationen schielen deshalb zunehmend auf den Jury-Geschmack, der sich durch eine Vorliebe für musikalisch anspruchsvolle, oft komplexe und emotional berührende Darbietungen auszeichnet. Der Massengeschmack des Publikums hingegen belohnt eher eingängige Popsongs, Partyhits oder Überraschungsmomente. Wer den ESC gewinnen will, muss heute vermutlich beide Lager bedienen oder zumindest die Jury überzeugen, denn deren Punkte sind in den letzten Jahren oft die entscheidende Zünglein an der Waage gewesen. Die Frage ist, ob sich die herrschende Kluft zwischen Publikum und Expertengremium wieder schließen wird oder ob sich der Wettbewerb dauerhaft in ein Jury-dominiertes Event verwandelt.

Opern-Pop als ESC-Trend: Warum das Genre gerade dominiert

Trends sind fragil, aber es ist kaum zu übersehen, dass sich sogenannter Opern-Pop zum großen Ding entwickelt hat. Die Siegerlieder von 2024 und 2025 – Nemos "The Code" und JJs "Wasted Love" – lassen sich beide in diese Schublade stecken: klassisch geschulter Gesang trifft auf moderne Pop- und Electro-Elemente. Dieser Trend ist nicht isoliert zu betrachten. Jenseits des ESC verzückt die spanische Sängerin Rosalía mit ihrem Hit "Berghain", der ebenfalls mit klassischen Einflüssen spielt und einen regelrechten Hype ausgelöst hat.

Wie kommt es zu diesem Erfolg? Der ESC-Experte und Autor Lukas Heinser analysiert: "Da treffen Wellenbewegungen von zwei Seiten aufeinander und türmen sich zu einer Art Tsunami der 'Elektro-Operette' auf." Das Ergebnis: Beim ESC 2026 setzen viele Beiträge auf opern- oder operettenhaften Gesang. Frankreich schickt die erst 17-jährige Sopranistin Monroe Rigby ins Rennen, die mit einer Mischung aus Klassik und Electro-Pop antritt. Dabei ist dieser Trend nicht völlig neu. Schon 2009 landete Schweden mit Malena Ernman – der Mutter von Greta Thunberg – und ihrem irrwitzigen Opern-Pop-Song "La Voix" nur auf Platz 21. Der Erfolg von JJ im Jahr nach Nemo sei laut Heinser daher eine große Überraschung gewesen, denn die Faustregel beim ESC laute eigentlich: "Wenn du versuchst, einen Song zu machen, der nah am Siegertitel des Vorjahres liegt, vergiss es." Doch manchmal bricht der Zeitgeist mit den Regeln.

Schweden gilt als ESC-Muster-Nation

Sieben Siege haben die Skandinavier schon eingefahren – ebenso viele wie Irland, das allerdings seit Jahren keinen Erfolg mehr verbuchen konnte. Auch 2026 geht Schweden mit Favoritin Felicia und ihrem Song "My System" an den Start, einer typisch schwedischen Electro-Pop-Nummer, die hoch gehandelt wird. Muss man also mehr Schweden wagen, um zu gewinnen? Experte Heinser warnt vor einer simplen Kopie: "Letztlich müssen Song und Inszenierung eine glaubwürdige Einheit bilden, die den jeweiligen Zeitgeist trifft." Die Schweden seien zwar bisweilen überzeugt, die geheime ESC-Formel entschlüsselt zu haben – dennoch sei es auch bei ihnen eine Gratwanderung. "Sie neigen zu absolut perfekten Inszenierungen mit gestriegelten Acts, bei denen jede Bewegung sitzt", sagt Heinser. Auf den Rest Europas könne das mitunter aufdringlich oder "betont lässig wie ein Sportstudent auf einer Party" wirken.

Ein Gegenbeispiel ist Portugal, das 2017 mit Salvador Sobrals "Amar pelos Dois" gewann. Das Land schickt seine Acts mit einer maximalen Überzeugung und Hingabe dorthin, völlig egal, ob das dem europäischen Mainstream-Geschmack entspricht oder nicht. Manchmal scheitern sie damit krachend im Halbfinale, aber oft funktioniert es gerade deshalb, weil die Leute in Europa diese Leidenschaft spüren. Heinser betont: "Dieser Ansatz, sich eher authentisch zu repräsentieren als krampfhaft gewinnen zu wollen, ist etwas, wovon wir in Deutschland lernen könnten." Authentizität und Hingabe können also mehr bewirken als berechnete Perfektion.

ESC-Spezialisten sprechen vom „tödlichen Tempo"

Den ESC gibt es seit 1956 – Statistiken über Tempo, Tonart oder durchschnittliche Vokal-Anzahl von Siegertiteln gibt es reichlich. Es wird gern vom "tödlichen Tempo" 128 bpm (beats per minute) gemunkelt. Auffallend viele letzte Plätze in den letzten Jahrzehnten waren in dieser Geschwindigkeit, schreibt Lukas Heinser in seinem Nachschlagewerk "ESC – Das kleinste Buch zum größten Musikereignis". Die erfolgreichste Tonart dagegen sei a-Moll, die meisten Siegeracts waren weiblich, und es gewannen viel häufiger Einzelkünstler als Bands oder Duos. Auffallend auch: Fünf Personen haben den ESC bislang barfuß gewonnen. Sollte man also eine barfüßige Frau schicken, die in a-Moll ein Lied mit mehr als 128 bpm singt? So einfach ist das natürlich nicht. Was in anderen Lebensbereichen teils funktioniert – aus der Vergangenheit auf die Zukunft schlussfolgern – ist beim ESC Unsinn. Der Zeitgeist spielt eine zu große Rolle. Nicoles Sieg 1982 mit "Ein bisschen Frieden" war womöglich auch durch den Falklandkrieg im selben Jahr beeinflusst.

Der ESC-Experte Matthias Breitinger wagt sich in seinem Buch "Europe – 12 Points! Die Geschichte des Eurovision Song Contest" dennoch an eine Art Siegesrezept: "Mit Gimmicks tendenziell sparsam sein; ein Lied aus einem gängigen Genre komponieren, das im Aufbau den Erwartungen der Massen entspricht; den Wettbewerb ernst nehmen, aber als Interpret in den entscheidenden drei Minuten sich Nervosität bloß nicht anmerken lassen." Das sei eine grobe Erfolgsformel. Im gleichen Buch warnt der Autor allerdings noch vor Nischengenres, denn es gehe um Pop. "Darum hat auch Operngesang beim Song Contest nie reüssiert." Breitinger schrieb das 2016 auf – ein Jahrzehnt vor Nemo und JJ. Vom folgenden Zeitgeist konnte er nichts wissen. Der ESC schreibt seine Regeln schneller um, als Experten sie notieren können. Das zeigt sich auch in den vielen kuriosen Details: Von der Kleiderordnung über die Startpositionen bis hin zu den sprachlichen Vorgaben – nichts ist in Stein gemeißelt. Der Wettbewerb lebt von der Vielfalt und der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Wer die ESC-Geschichte genau verfolgt, erkennt, dass oft die überraschenden, unkonventionellen Beiträge am Ende ganz oben landen – nicht die, die stur einem vermeintlichen Erfolgsrezept folgen.

Die Rolle des Zeitgeists und der politischen Stimmung

Der ESC ist nie unpolitisch, auch wenn die offiziellen Regeln politische Botschaften verbieten. In den letzten Jahren haben die Kriege in der Ukraine und in Gaza die Stimmung stark beeinflusst. 2022 gewann die Ukraine mit der Band Kalush Orchestra, die mit ihrem Lied "Stefania" die Solidarität der europäischen Zuschauer auf sich zog. Politische Botschaften verstecken sich auch in den Songtexten und Inszenierungen. So ist die 2023er Gewinnerin Loreen mit "Tattoo" ein Lied über Unterdrückung und Freiheit, das viele als Metapher interpretieren. Der Zeitgeist ist wankelmütig – mal dominiert Friedenssehnsucht, mal Party-Stimmung, mal kulturelle Identität. Wer den ESC gewinnen will, muss diesen Puls spüren.

Fazit: Kein Patentrezept, aber viele Zutaten

Die Analyse zeigt: Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber eine Reihe von Faktoren, die immer wieder eine Rolle spielen: die Balance zwischen Jury und Publikum, die Wahl des richtigen Genres, Authentizität, die Fähigkeit, den Zeitgeist zu treffen, und eine Prise Glück. Der ESC bleibt ein faszinierendes Experiment, bei dem jedes Jahr aufs Neue alle Regeln über den Haufen geworfen werden können. Die einzige Konstante ist die Begeisterung, die der Wettbewerb auslöst – bei Fans, Künstlern und Jurymitgliedern gleichermaßen.


Source: MSN News


Share:

Your experience on this site will be improved by allowing cookies Cookie Policy